The Voyager 05.03.2026 | Page 22

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MEIN REISETAGEBUCH

„ Die Orkneys locken mit wilden, zerklüfteten Landschaften, zahlreichen historischen Städten – und wirklich wenig anderen Touristen.“

Sarah Alexandra Fechler, Leitende Redakteurin

D ie Orkney-Inseln waren für mich ein absolutes Traumziel. Schon lange hatte ich diese Inselgruppe ganz im Norden Schottlands im Kopf – als Ort mit rauer Landschaft, weiter Geschichte und einer Strickkultur, die tief im Alltag verwurzelt ist. Genau diese Mischung hat mich angezogen. Gleichzeitig lockte mich die Vielzahl an historischen Stätten: eine neolithische Siedlung, die an ein Hobbitdorf erinnern, Kirchen und Klöster aus der Wikingerzeit, ein Hügelgrab mit einer einzigartigen Sammlung von Runen – und nicht zuletzt Spuren aus den Weltkriegen, die auf den Inseln bis heute sichtbar sind.

Unsere Reise begann in Inverness, der Hauptstadt der Highlands. Von hier aus ging es weiter Richtung Norden, mit einem Minibus bis zur Gills Bay. Dort setzten wir mit der Autofähre über auf die Orkney-Inseln. Die Tage vor Ort waren klar durchgetaktet, denn jede Person in unserer kleinen Reisegruppe hatte eigene Ziele. Start- und Endpunkt war dabei immer Kirkwall, die Hauptstadt der Inseln. Allein hier hätte man mühelos mehrere Tage verbringen können. Die von den Wikingern gegründete St.-Magnus-Kathedrale dominiert das Stadtbild mit ihrem warmen roten Stein, der sich deutlich von den sonst vorherrschenden dunklen Steingebäuden abhebt. Die Altstadt wirkt kompakt und lebendig, ohne überlaufen zu sein. Etwas außerhalb liegt zudem die Highland Park Distillery, die für Whisky-Fans einen festen Platz auf der Liste haben sollte.

� Der Ring von Brodgar ist ein Henge der britischen Orkney- Inseln mit einer kreisförmigen Steinsetzung im Inneren. Mit einem Durchmesser von 104 Meter ist er größer als Stonehenge.

� Ein Blick in die Ruinen der neolithischen Stadt Skara Brae.

Was in Kirkwall sofort auffällt: Mit rund siebentausend Einwohnern wirkt alles angenehm überschaubar. Solange kein großes Kreuzfahrtschiff im Hafen liegt, verteilen sich die Besucher gut. Die Einheimischen wissen genau, wann es voller wird, und geben diese Information gern weiter – ein praktischer Hinweis, um die Stadt zu verlassen und die übrigen Sehenswürdigkeiten dann gezielt zu erkunden. Und davon gibt es viele.

Der Ring of Brodgar stand ganz oben auf unserer Liste: ein steinzeitlicher Steinkreis, deutlich älter als Stonehenge, mit dem er sogar verbunden ist. Überall auf den Inseln tauchen diese uralten Monumente auf, manchmal mitten auf Schafweiden, manchmal direkt am Straßenrand. Bei unserem herbstlichen Besuch war der Boden zu weich, sodass wir die Steine leider nur vom äußeren Ring aus bewundern konnten.

Am nächsten Tag führte uns der Weg nach Stromness. Hier schlug mein Strickherz höher. In der

� Zur Insel „ Brough of Birsay“ läuft man bei Ebbe über den steinernen Pfad. charmanten Altstadt fanden wir die größte Dichte an Strick- und Andenkenläden auf den Inseln. Stromness eignet sich also wunderbar für einen ruhigen Bummel, bei dem sich Handwerk, Geschichte und Hafenatmosphäre mischen. Direkt am Wasser steht die Statue des Polarforschers Dr. John Rae, der eine zentrale Rolle bei der Aufklärung des Schicksals der Franklin-Expedition spielte. Zum Nachmittag machten wir noch einen Abstecher zu den Yasnabi Klippen( Bild oben). Die übrigens überhaupt sich abgesperrt oder gesichert sind. Abenteuerlich!

Nach diesem Tag ging es zurück zum Kulturprogramm: Skara Brae stand auf der Liste, die am besten erhaltene neolithische Siedlung Westeuropas, auch als schottisches Pompeji bekannt. Die grasüberwachsenen Steinhäuser erinnerten mich sofort an die Hobbits aus „ Herr der Ringe“. Ein rekonstruiertes Haus erlaubt zudem einen Blick ins Innere. Direkt daneben liegt das Skaill House aus dem siebzehnten Jahrhundert, und im Visitor Centre rundete ein kleines Café mit handgemachten Köstlichkeiten diesen windigen, eindrucksvollen Tag perfekt ab.

5 Dinge, die ich gelernt habe

1

Kultur pur Ein Urlaub auf den Orkney-Inseln ist nichts für Badeurlauber. Hier kommen dafür alle auf ihre Kosten, die sich für Geschichte begeistern können.

2

Die Landschaft Die Inselgruppe war noch nie bewaldet. So sind weite Landschaften, schroffe Klippen und blühende Heidepflanzen prägend. Wunderbar für Naturgenießer und Fotografen.

3

Reservieren! Wer abends Essen gehen möchte, muss sich unbedingt ein bis zwei Tage

vorher um Tischreservierungen kümmern. Die Städte sind klein und auf Touristen nicht zu sehr vorbereitet.

4

Gemütlich Die Inselbewohner sind offen und kontaktfreudig – und tauschen gern Geschichten.

5

Wolle & mehr

Funfact auch für alle, die nicht stricken: Auf der Insel North Ronaldsay gibt es Seetang-essende Schafe. Und ja, natürlich habe ich mir Wolle mitgenommen!