The Voyager 06.02.2025 | Page 25

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ONE YEAR ON A BIKE

Mehr als nur eine

RADREISE

Ein Leben auf dem Sattel – das ist Roman Miserres Realität seit April 2024 . Mit dem Fahrrad brach er von München auf , sein Ziel : „ One Year on a Bike “ – ein Jahr lang auf zwei Rädern die Welt erkunden . Mittlerweile , 300 Tage später , hat er es bis nach Neuseeland geschafft . Seine Reise inspiriert ...

Text : Anja Bethge , Fotos : Roman Miserre

R oman Miserre hat seinen langjährigen Job gekündigt , um ein privates Projekt zu starten : mit Fahrrad und Zelt um die Welt radeln . In The Voyager 14 / 2024 hat er uns bereits erzählt , was ihn antreibt . Am 6 . April 2024 war es dann soweit und Roman schwang sich auf sein Fahrrad und verließ München in Richtung Süden . Seine ersten Stationen führten ihn durch die Alpen , Italien und weiter Richtung Balkan . Schon früh zeigte sich , dass diese Reise keine gewöhnliche werden würde : „ Die Berge Albaniens waren eine echte Prüfung . Doch die Gastfreundschaft der Menschen hat alles wettgemacht .“ Inzwischen liegen 300 Tage und tausende Kilometer hinter ihm .

„ Man braucht nur ein Zelt und etwas Proviant – und die Welt öffnet einem ihre Türen .“

300 Tage in der Welt – ein Zwischenfazit „ Wenn man 300 Tage unterwegs ist , können wenige Wochen manchmal wie ein halbes Leben wirken “, schreibt Roman in seinem digitalen Reisetagebuch . Die Zeiten , in denen man in der Ferne nur per Postkarte kommunizierte , sind vorbei – Roman nutzt Instagram und vor allem die Outdoor-Plattform Komoot , um sich und seine Reise zu dokumentieren . So erleben seine Frau Bettina , Freunde und Familie ( aber auch viele neugierige Fremde ) täglich mit , welche Ländergrenzen er überquert , in welchen Landschaften er sein Zelt aufbaut oder wie er mal in einer Gewitternacht von wilden Hunden überrascht wird .

Es sind gerade diese unvorhergesehenen Alltagsszenen , die Roman an der Reise schätzt : „ Die eindrucksvollsten Erlebnisse gehen meist mit Unbequemlichkeit einher . Da lernt man , dass man nichts braucht außer einem Zelt , etwas Proviant – und die Welt öffnet einem ihre Türen .“ Tatsächlich wird Roman oft von Fremden auf Tee , Brot oder ein warmes Dach über dem Kopf eingeladen , so etwa von einer Familie in Armenien oder einer älteren Dame in Montenegro . „ Die Menschen , gerade im arabischen Raum , öffnen einem nicht nur schnell ihre Tür , sondern auch ihr Herz .“

� Durch die Tuffsteinlandschaften Kappadokiens zu radeln und inmitten dieser surreal anmutenden Kulisse sein Zelt auf- zuschlagen , war einer der Höhepunkte seiner bisherigen Reise .

Minimalismus auf zwei Rädern Sein 20 Kilogramm schweres Stahlrad nennt Roman liebevoll „ Miss Humblebee “ – und wie wichtig ihm dieses „ fleißige Bienchen “ ist , zeigen seine zahlreichen Tagebucheinträge . Ob 15-prozentige Steigungen in Südkorea oder Schotterpisten in Anatolien : „ Miss Humblebee und ich halten zusammen . Ohne sie wäre ich nie an so viele entlegene Orte gekommen “. Wenn man fast ein Jahr unterwegs ist , merkt man schnell , wie wenig man eigentlich zum Leben braucht . Roman reist mit vier Gepäcktaschen , in denen alles drin ist : ein kleines Zelt , Kocher , Werkzeug , Regenkleidung , ein paar Wechselklamotten und ein kleiner Klappstuhl als „ Luxus “, um den ihn schon viele andere Radreisende beneidet haben . Die tägliche Dusche funktioniert mit einem Fünf- Liter-Wassersack , den er an Moscheen , Brunnen oder bei netten Gastgebern auffüllt . Umständlich ? Für Roman nicht : „ Alles , was ich zum Glücklichsein brauche , trage ich in meinen Taschen . Den Rest schenkt mir gerade die Welt da draußen .“

„ Die Menschen , die mir begegnen , und die Geschichten , die sie teilen , sind das wahre Gold meiner Reise .“

Höhen und Tiefen : Was lange Reisen lehren

Ob steile Passstraßen auf dem Balkan , sengende Hitze in der Türkei oder ein Taifun in Japan : Vieles an Romans Reise verläuft alles andere als glatt . Einmal wurde ihm in Australien sogar eine komplette Fahrradtasche gestohlen . „ Das war ein echter Schock “, erinnert er sich . „ Nicht unbedingt wegen des materiellen Werts , sondern weil ich plötzlich ohne Kocher und Campinggeschirr dastand .“ Doch die Welt zeigte ihm rasch ihre gute Seite : Ein Fremder lud ihn zum Übernachten ein , ein anderer bot ihm sein Ersatzkochset an . „ Die Welt wird freundlicher , je näher man ihr kommt “, sagt Roman .

Natürlich gab es weitere Rückschläge : „ Ich bin einmal mitten in der Nacht von einem Sturm überrascht worden . Mein Zelt hielt , aber ich habe gelernt , es nie wieder in einer tief gelegenen Stelle aufzubauen .“ Solche Erfahrungen , so betont er , sind prägend . Sie lehren Geduld , Respekt vor der Natur – und manchmal einfach das Loslassen . Eine emotionale Szene erlebte er auch in Tasmanien : Auf einem Campingplatz hatte ein kleines Mädchen heimlich einen Luftballon an sein Zelt gehängt und erklärt , „ The man is so alone .“ Roman habe sich in dem Moment auf eine zutiefst anrührende Weise wahrgenommen gefühlt und die Wärme kindlicher Empathie gespürt .

Das innere Abenteuer

Warum tut er das alles ? Für Roman geht es um weit mehr als bloßes Fernweh und Neugier . „ Jeder Kilometer ist eine Auseinandersetzung mit mir selbst . Auf dem Rad kann ich meinen Gedanken nicht entfliehen . Aber genau darin liegt das Geschenk : In der Langsamkeit öffnen sich mir Türen – zu mir selbst , zu anderen Kulturen und zu Begegnungen , die ich sonst nie hätte .“ Einen Urlaub nennt Roman das nicht , sondern einen intensiven Lernprozess , der ihn immer weiter vorwärtszieht .

� Jeden Tag aufs Neue erfährt Roman , wie wenig es braucht , um glücklich zu sein – und wie bereichernd die Begegnungen mit Menschen , aber auch mit Tieren sein können .

Alle paar Monate gönnt sich Roman eine kleine Auszeit vom Reisen und macht Urlaub , wenn seine Frau Bettina zu Besuch kommt . Im Mai trafen sie sich in Thessaloniki und Tiflis , im Dezember in Sydney . Am meisten vermisst Roman sie bei seinem Abenteuer – „ und gutes Brot “. Ansonsten vermisst er kaum etwas von zu Hause .

Er will seine Reise nicht abrupt beenden . Stattdessen will er sich Schritt für Schritt seiner gewohnten Umgebung nähern . Nach Australien , Tasmanien und Neuseeland fliegt er im März nach Marokko , um von dort über Portugal , Spanien und Frankreich langsam nach Hause zu radeln . Wir werden berichten !