INTERVIEW „ Raus aus dem Hamsterrad, rein in die Anderszeit.“
Stefan Maiwald lebt dort, wo andere Urlaub machen: in Italien. Wenn er nicht gerade Espresso testet oder am Meer spazieren geht, schreibt er historische Romane, humorvolle Sachbücher und kulinarische Reiseführer. Wir haben mit dem Italienkenner und Bestsellerautor gesprochen.
Interview: Anja Bethge
Du lebst seit mehr als 20 Jahren in Italien. Wann wurde aus der Sehnsucht nach Italien eine Entscheidung fürs Leben? Ich hatte ja keine Wahl! Ich bin mit einer Italienerin verheiratet, und auch wenn die Überlegung im Raum stand, in den Norden zu ziehen, war all das hinfällig, als die Töchter auf die Welt kamen. Dann schlug die Stunde der Famiglia, die uns nicht mehr losließ. Gut, dass ich überhaupt nichts dagegen hatte, in Italien zu bleiben.
ZUR PERSON
Stefan Maiwald ist 1971 in Braunschweig geboren und lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern im italienischen Grado. Seine Bücher über Italien landen regelmäßig auf den Bestsellerlisten und sein Blog postausitalien wurde als bester Travel Blog ausgezeichnet. Außerdem schreibt er für Feinschmecker und Merian.
� @ buch _ und _ wein
� postausitalien. com
Du schreibst viel über Genuss, Leichtigkeit und Lebensfreude. Ist das ein Klischee – oder steckt darin eine Wahrheit? Es gibt natürlich ein paar verbreitete Klischees, etwa des ewig singenden Gute-Laune-Italieners. Aber so einer fällt auch hier allen eher auf die Nerven. Kein Klischee ist die Lust am Genuss – das lässt sich auch statistisch belegen: Italien gehört zu den Nationen, deren Bewohner sowohl am meisten fürs Essen ausgeben als auch am wenigsten Fertiggerichte verwenden. Die Leichtigkeit ist ebenfalls kein Klischee, diese gelebte Sprezzatura, eine gewisse Lässigkeit auch bei großen Herausforderungen.
� Die historische Altstadt von Grado eignet sich perfekt zum gemütlichen Herumflanieren.
Foto: Silvia Hauff
� Seit dem 11. Mai ist sein neues Buch „ Espresso unter Sternen“ erhältlich.
Was haben die Italiener deiner Meinung nach besser verstanden, wenn es um Lebensqualität geht? Es sind Kleinigkeiten, die aber den großen Unterschied ausmachen. Die Rituale. Der morgendliche Kaffee in der Bar, das kurze Blättern in der Gazzetta dello Sport. Der Gang zum Markt. Die Passeggiata oder die abendliche Plauderei auf dem Dorfplatz. Winzige Details, die aber insgesamt für Stabilität sorgen. Im eigenen Leben, in der eigenen Psyche, aber auch für die ganze Gemeinschaft. Es ist ja oft über die erstaunliche Langlebigkeit der Italiener berichtet worden. Doch jenseits der vielzitierten mediterranen Diät liegt es auch daran: Hier ist niemand allein.
In deinem neuen Buch „ Espresso unter Sternen“ verlässt du deine Komfortzone in Grado und reist nach Triest. Warum? Was hat dich an der Stadt so fasziniert? Ich war neugierig. Ich wollte einfach mal schauen, ob all diese Prinzipien und Ideen, die ich in Grado gelernt habe und die so vielen Leserinnen und Lesern – und mir selbst! – das Leben ein klein wenig verbessert haben, auch in einem ganz anderen, für mich fremden Umfeld funktionieren. Und Triest ist zwar nah, für mich als Norddeutscher aber doppelt fremd: Denn über der Stadt liegt der Schleier aus Italien und Österreich.
Du beschreibst deine Anderszeit in Triest als neue Form der Auszeit.
„ Hier ist niemand allein – das ist vielleicht das größte Geheimnis italienischer Lebensqualität.“
Was ist da der Unterschied? Niemand muss sein Leben über Bord werfen, seinen Job kündigen, in ein anderes Land ziehen oder den Mount Everest besteigen. Ich habe festgestellt: Oft reicht schon ein ganz kleiner Perspektivenwechsel, um die Dinge klarer zu sehen. Und diese Klarheit ist wichtig! In meinem Fall bin ich einfach für ein paar Wochen von der kleinen Insel Grado in eine große Stadt gezogen, aber ohne alle Kontakte abreißen zu lassen. Warum auch, ich bin ja glücklich verheiratet und habe zwei Töchter, und auf Pinos Bar wollte ich auch nicht allzu lange verzichten!
Espresso, Meer, Spaziergänge – vieles in deinen Büchern wirkt fast entschleunigt. Ist das dein echter Alltag oder auch ein literarisches Ideal? Viele Leser werden bestätigen, dass sie mich täglich beim Spazierengehen am Meer sehen. Das ist mein Ritual, wenn man so will, und die Zeit nehme ich mir. Zwei Stunden Spazierengehen entschleunigen ja fast von selbst, man kommt angenehm matt heim – aber nicht müde, sondern beinahe voller Tatendrang. Ich muss allerdings zugeben: Die Tage und Wochen vor dem Erscheinen eines neuen Buches sind oft hektischer, als mir lieb ist … Aber ich weiß ja, dass nach der Lesereise wieder die Insel wartet.
� Ganz viel Italien auf die Ohren: Stefans Podcast „ Radio Adria“.
� Seinen Kaffee am Morgen und den Aperitivo am Abend trinkt er gerne bei Pino.
Was fasziniert dich nach all den Jahren noch an Italien? Ich finde, die Fahrt über den Damm nach Grado ist doch schon ein Urlaub für sich. Das helle Licht, der Blick in die Ferne, der warme, schwere Duft des Meeres – das fasziniert mich auch nach vielen Jahren noch. Etwas anderes, was mich immer wieder verblüfft: Diese Unkompliziertheit, sich einfach an einen Tisch zu setzen, in der Mitte steht ein Topf Pasta, und dann schlemmt man gemeinsam bis in den späten Abend hinein. Diese Spaghettata unter Freunden oder in der Familie – ja, überhaupt, dieser beinahe heilsame Wert des gemeinsamen Essens – ist immer wieder umwerfend.
Gibt es auch Dinge, die dich an Italien nerven? Ja, klar! Mir fallen zwei Dinge ein. Wie schon mein geschätzter Kollege Bill Bryson schrieb: » Italiener hätten nie von der Erfindung des Automobils erfahren dürfen.« Und ich kann als Deutscher nun mal nicht raus aus meiner Haut: An diese zelebrierte Unpünktlichkeit habe ich mich auch nach vielen Jahren noch nicht gewöhnt.
Wenn du Italien in drei Orten erzählen müsstest – welche wären das und warum? Die Galleria dell’ Accademia in Venedig, für mich die beeindruckendste Kunstsammlung – Sprezzatura über viele Jahrhunderte. Ein Beachclub in Apulien. Weil Apulien neben der oberen Adria meine italienische Lieblingsregion ist. Und natürlich Pinos Bar in Grado für die kleinen Rituale einer dörflichen Gemeinschaft.
BUCHTIPP
Espresso unter Sternen
256 Seiten Softcover 22 Euro
Goldegg Verlag
Wenn der Alltag zum Hamsterrad wird, braucht es mehr als eine Pause: eine Anderszeit. Zeit, um Neues zu entdecken, verborgene Leidenschaften zu wecken und anderen offen zu begegnen. In „ Espresso unter Sternen“ verlässt Stefan Maiwald seine Komfortzone auf und macht Triest zur Bühne einer humorvollen Selbstfindung – auf der Suche nach einem glücklicheren Leben.