F ür Marcel Weinberger, Schweizer Fotograf und Fotocoach, wurde ein Traum zur Realität: Er durfte seinen Freund, den Reisefotografen Nick Schmid auf eine Fotoreise auf die Insel Sokotra begleiten. Nick, der sich mit außergewöhnlichen Projekten und Workshops einen Namen gemacht hat, hatte die Expedition organisiert – Marcel schloss sich als Coach und Ansprechpartner für die Teilnehmer an. Was ihn erwartete, war nicht nur eine Reise in eine der ursprünglichsten Regionen der Welt, sondern ein Abenteuer voller Kontraste, Begegnungen und Bilder, die so einzigartig sind wie die Insel selbst.
Wer eine Reise nach Sokotra antritt, begibt sich nicht einfach in den nächsten Ferienflieger. Schon der Weg dorthin ist ein Abenteuer – und genau das macht den Reiz aus. Trotz der Zugehörigkeit zum Jemen ist Sokotra ein äußerst sicheres und friedliches Reiseziel, da es aufgrund seiner Entfernung zum Festland von den politischen Unruhen in anderen Teilen des Landes verschont bleibt. Die Anreise erfolgt über Jeddah( Dschidda) in Saudi-Arabien, sodass das jemenitische Festland zu keinem Zeitpunkt betreten wird.
� Alles im Bild: Neben Wüste und Meer hat Sokotra auch ein spannendes Hochland mit zerklüfteten Felsen zu bieten.
� Zeitlose Schönheit: Hier blüht in pink-rosa Blüten ein Flaschenbaum. Diese Pflanzenart kommt nur auf der Insel Sokotra vor.
Ab ins Abenteuer
Auf Sokotra angekommen, wurden die Teilnehmer von Fahrern sowie einem erfahrenen Küchen- und Campteam empfangen. Sofort zeigte sich die große Herzlichkeit und Offenheit der Einheimischen, die die Gruppe durchweg begleitete. Trotz der Tatsache, dass die Infrastruktur der Insel kaum mit modernen Standards vergleichbar ist, war für alles gesorgt: Für die Fotografen begann damit ein Abenteuer inmitten der Natur – mit dem Komfort, sich abends in ein vorbereitetes Zelt zurückziehen zu können.
Das Leben auf Sokotra war für die Fotogruppe ein ständiger Wechsel zwischen Ursprünglichkeit und liebevoller Fürsorge. Jeden Abend wartete an einem neuen Ort ein fertig aufgebautes Lager, in dem Zelte, Decken und Matratzen bereitstanden. „ Es war das erste Mal, dass ich eine längere Reise im Zelt verbrachte – und ich habe jede Nacht unter einem anderen Sternenhimmel geschlafen“, erinnert sich Marcel Weinberger. Die Geräuschkulisse der Natur, das Zirpen von Insekten und die warme Luft machten jede Nacht zu einem intensiven Erlebnis.
Für die Verpflegung sorgte ein engagiertes Küchenteam, das nicht nur täglich frisch kochte, sondern auch mit kleinen Wundern aufwartete. Neben gegrilltem Fisch und frisch zubereiteten Speisen gab es stets kühle Getränke – und sogar Eiswürfel in der Kühlbox. „ Wir haben uns wirklich gefragt, woher die Eiswürfel kamen“, erzählt Marcel lachend, „ denn die Infrastruktur auf der Insel ist jetzt nicht besonders modern.“
Doch die Idylle hatte auch ihre Schattenseiten. Während die Natur mit unberührten Stränden, Dünen und einer einzigartigen Flora beeindruckte, zeigten sich in den Städten und Dörfern die Defizite deutlich. Müll lag vielerorts offen herum – das Umweltbewusstsein schien kaum ausgeprägt. Für die Besucher war dies ein Kulturkontrast, der zum Bild der Reise ebenso gehörte wie die überwältigende Schönheit der Landschaft.
� Weißer Strand: Als Insel bietet Sokotra viel weißen Sandstrand – der gerade abseits der Städte ruhig und menschenleer ist.
� Flammenball: In einem leuchtenden Orange-Rot thront die Sonne knapp über dem Horizont über dem Wüstenmeer.
Gut gerüstet
Wer auf Sokotra fotografiert, muss sich auf wechselnde Bedingungen einstellen – von glühendem Sand über karge Hochplateaus bis hin zu feuchter Küstenluft. Deshalb gilt es, bei der Ausrüstung die Balance zu halten: genug Auswahl für unterschiedliche Motive und genügend Schutz für die Ausrüstung, aber nicht mehr, als man unterwegs transportieren kann. Die größte Herausforderung war nicht die Technik selbst, sondern die Umgebung. Der allgegenwärtige Sand kroch in jede Objektivritze und setzte sich selbst nach sorgfältiger Reinigung noch im Fotorucksack fest. Probleme bereitete das zwar nicht, doch es zeigte, wie intensiv Natur und Ausrüstung miteinander in Kontakt kommen. Ansonsten erwies sich die Technik als robust – genau das, was auf einer Reise in solch ein unerschlossenes Terrain gebraucht wird.
Kaum irgendwo sonst treffen so viele Kontraste aufeinander wie auf Sokotra. Türkisblaues Meer, endlose Sanddünen, schroffe Berge und ein Hochland, das mit bizarren Pflanzenformen überrascht – für Fotografen öffnet sich ein Spielplatz voller Motive. Besonders eindrucksvoll sind die Drachenblutbäume, deren knorrige Äste und dichte Kronen wie aus einer anderen Welt wirken. „ Diese Bäume sind ein fragiles Ökosystem, das Jahrhunderte zum Wachsen braucht – vor ihnen zu stehen, ist einfach überwältigend“, sagt Marcel Weinberger.
Magischer Foto-Moment
Zu den Höhepunkten der Reise gehörte eine Wanderung auf die Dünen von Arher. Der Aufstieg war schweißtreibend, doch der Blick von oben belohnte mit einem Panorama aus Sand, Meer und aufgehender Sonne. Auch die Abende hatten ihre ganz eigene Magie: Ohne Lichtverschmutzung spannt sich die Milchstraße quer über den Nachthimmel – ein Motiv, das sich tief ins Gedächtnis brennt. Doch nicht nur die spektakulären Naturwunder prägten die Tage. Ziegen waren allgegenwärtig. Für Weinberger gehörten sie längst zum typischen Bild der Insel: „ Die Ziegen sind einfach überall – sie gehören fast schon zum Landschaftsbild.“ Eine Reise nach Sokotra ist kein gewöhnlicher Urlaub, sondern ein Abenteuer mit Seltenheitswert. Sie verlangt Flexibilität, Offenheit und eine gewisse Bereitschaft, Komfort gegen Ursprünglichkeit einzutauschen. Dafür belohnt die Insel mit Bildern, die kaum ein anderer Ort der Welt bieten kann. „ Es war ein kultureller Schock im besten Sinne – die Farben, die Landschaft, die unbeschwerte Art der Menschen. Für mich war es ein absoluter Wahnsinn“, resümiert Marcel Weinberger.