The Voyager 19.02.2026 | Page 19

entdecken 19

MEIN REISETAGEBUCH

„ 7 Tage auf der Sea Cloud Spirit durch die Karibik waren kein klassisches Reisen, sondern ein bewusster Wechsel der Geschwindigkeit.“

Gordon Below, Profi-Fotograf und Fototrainer www. derfotograf. net

D iese Reise begann für mich nicht mit einem großen Moment, sondern mit Wetterchaos zu Beginn des Jahres. Ich musste mit dem Zug statt mit dem Flugzeug fahren, verbrachte eine Nacht am Flughafen und hatte viel Zeit zum Warten. Aber das ist eine andere Geschichte. Rückblickend war genau das stimmig. Denn was in den sieben Tagen auf der Sea Cloud Spirit folgte, war kein klassisches Reisen, sondern ein bewusster Wechsel der Geschwindigkeit. An Bord wurde mir schnell klar: Hier geht es nicht darum, möglichst viel zu konsumieren, sondern alles wahrzunehmen. Das Schiff, das größte und modernste der Sea-Cloud- Flotte, ist ein klassischer Dreimaster, der auf Fünf- Sterne-Niveau fährt. Das zeigt sich in allem: in den Kaninen, dem Service, der Küche, den Weinen. Es drängt sich jedoch nicht in den Vordergrund. Der eigentliche Wert liegt für mich im Raum, den es lässt. Raum für Gespräche, für Begegnungen und für das einfache Dasein auf See.

Mit rund 100 Gästen an Bord entstand etwas, das heute selten geworden ist: Gemeinschaft ohne Verpflichtung. Ich begegnete denselben Menschen immer wieder – auf dem Deck, beim Frühstück, beim Aperitif am Abend. Gespräche entwickelten sich beiläufig, vertieften sich. Man verabredete sich zu Ausflügen, tauschte Empfehlungen aus, saß zusammen beim Wein- oder Champagnertasting, genoss das Käsebuffet und merkte plötzlich, dass diese eine Woche einen eigenen Kosmos bildete.

Auf der Sea Cloud Spirit greifen Natur, Handwerk und Genuss ineinander.

Slow Travel bedeutet für mich nicht Verzicht, sondern Intensität. Die Tage waren offen gestaltet. Ich konnte an Land gehen, Inseln entdecken, den Strand genießen, oder einfach an Bord bleiben, aufs Meer schauen und die Gedanken treiben lassen. Alles gleichwertig. Genau das machte diese Reise so besonders. Auch die Route durch die kleinen Antillen war perfekt geeignet. Abgelegene Ankerplätze, direkte Zodiac-Landgänge, Orte wie Virgin Gorda, Jost van Dyke und Norman Island, die große Schiffe nicht erreichen können. Wege auf dem Wasser, die nur möglich sind, weil ein Segelschiff nicht eilt. Die Geschwindigkeit veränderte meinen Blick. Zeit verlor ihren Druck. Termine, To-do-Listen und digitale Dauerverfügbarkeit rückten in den Hintergrund.

Ein sehr persönlicher Moment dieser Reise war der 17. Januar – mein Geburtstag. Vor Anker in The Bight von Norman Island. Frühstück an Bord, dann an Land. Ein kurzer Aufstieg, gerade weit genug, um auf beide Seiten der Insel zu schauen und zu wissen: Mehr braucht es nicht. Anschließend ein Beach-BBQ mit den Füßen im Sand, begleitet von karibischen Klängen aus der Steel Drum und mit feinsten Leckereien aus dem Meer. Kein Event, kein Programmpunkt, sondern ein Moment, der sich selbst trug.

Diese Reise durch die Karibik lebt von Momenten und Menschen.

Die See zeigte an diesem Tag Charakter. Auf dem Rückweg nach Philipsburg lagen 94 nautische Meilen vor uns. Windstärke 5, spürbare Wellen, Bewegung im Schiff und in den Gästen. Die Sea Cloud Spirit nahm das gelassen. Für mich war genau das ein wichtiger Teil dieser Reise: Ein Segelschiff nimmt das Meer ernst – und macht das Erleben dadurch glaubwürdig. Am Abend dann White Night an Deck. Doch nicht jeder Gast konnte es genießen, Das Meer war erwacht und forderte von einigen seinen Tribut. Am nächsten Morgen hieß es ausschiffen. Abschied nehmen, zurück in der Wirklichkeit. Dennoch bleibt dieses Gefühl, das nur Slow Travel hinterlässt: Ich steige nicht einfach von Bord – ich nehme etwas mit. Erinnerungen an Gespräche, an gemeinsames Lachen, an Stille auf dem Meer. Für mich steht die Sea Cloud Spirit für eine Art des Reisens, die neu gedacht ist. Nicht laut, nicht getaktet. Sondern bewusst und in einer besonderen Gemeinschaft, entschleunigt. Für eine Woche entstand eine kleine Welt auf Zeit – und genau darin liegt ihre Stärke. Hier gibt es noch mehr Bilder von meiner Reise.

5 Dinge, die ich gelernt habe

1

Entschleunigung Wenn sich ein Schiff dem Wind anpasst, wenn Routen nicht diktiert, sondern gelesen werden, entsteht eine neue Form von Abenteuer. Slow Travel ist kein Stillstand, sondern ein intensives Vorankommen: langsamer, ehrlicher, nachhaltiger – und näher bei sich selbst.

2

Kleine Schiffsgröße Die überschaubare Größe der Sea Cloud Spirit macht es möglich, in abgelegenen Buchten zu ankern und direkt per Zodiac an Land zu gehen – fernab der Routen klassischer Kreuzfahrtschiffe.

3

Echtes Handwerk Wann immer Wind und Wetter es erlauben,

werden die Segel traditionell von Hand gesetzt. Kilometerlanges Tauwerk, sichtbar und greifbar – Segeln ist hier kein Ritual für Gäste, sondern echtes Handwerk, das den Rhythmus an Bord bestimmt.

4

Alternative für Kreuzfahrer Maximal 136 Passagiere, rund 85 Crewmitglieder, ausschließlich Außen- kabinen und eine persönliche Atmosphäre schaffen eine Reiseform, die sich klar von großen Kreuzfahrtschiffen absetzt – ruhiger, näher, bewusster.

5

Die Landschaft Der wahre Luxus liegt in der Balance. Fünf-Sterne-Komfort in Kabinen, Service und Küche – ohne aufdringlich zu sein. Das Schiff bietet alles, drängt sich aber nicht in den Vordergrund. Es lässt Raum für Meer, Gespräche und Zeit.