The Voyager 22.01.2026 | Page 25

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INTERVIEW Vom Fernweh zur Verantwortung

Der Südtiroler Sebastian Kuen war gerade auf Weltreise, als die Corona-Pandemie ihn zurück nach Hause zwang. Anstatt weiterzuziehen, traf er eine mutige Entscheidung: Mit Mitte 20 übernahm er das Hotel seiner Eltern und entwickelte es zu einem Nature Retreat weiter.

Interview: Anja Bethge, Fotos: Sebastian Kuen

Sebastian, du warst 2019 mit dem Rucksack in der Welt unterwegs, als Corona alles veränderte. Wohin hatte dich deine Reise geführt – und was hast du aus dieser Zeit mitgenommen? Wir waren damals zu dritt in Australien, kauften uns ein Auto und fuhren einmal quer durchs Land. Danach reiste ich weiter nach Südostasien – Bali, Malaysia, Thailand. Gegen Ende war ich allein unterwegs, weil meine

ZUR PERSON

Sebastian Kuen( 25) ist gelernter Hotelier und liebt es, neue Länder zu entdecken. Seit 2024 ist er Geschäftsführer des Hotels Niedermair. Sein Schwerpunkt: nachhaltige Konzepte, Regionalität und moderne Gastfreundschaft.

� @ niedermair. natureretreat

� hotel-niedermair. com

Freunde wegen des Pandemie-Ausbruchs früher heimflogen. Ich wollte eigentlich noch nicht zurück, dieses Freiheitsgefühl hat mich unglaublich fasziniert. Doch als wir aus den Unterkünften rausmussten, blieb mir keine andere Wahl. Viele fragen mich, was ich aus dieser Reise mitgenommen habe – eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Es war die Summe aus Momenten, Begegnungen und Herausforderungen. So weit weg von zuhause zu sein, hat meinen Blick auf die Welt verändert: Ich wurde selbstständiger und verantwortungsbewusster. Früher ging es mir beim Reisen vor allem um Spaß – Partys, Strände, Abenteuer. Heute schätze ich vor allem andere Kulturen, Menschen, Gerichte und Lebensweisen. Das hat mich nachhaltig geprägt.

War es schwer, das Gefühl von Freiheit gegen Verantwortung einzutauschen – oder hat dich die Rückkehr nach Südtirol eher gestärkt? Am Anfang war es schon eine Umstellung. Nach Monaten voller Unabhängigkeit wieder in den Alltag zurückzukehren, war nicht leicht. Aber ich bin überzeugt, dass vieles im Leben aus einem bestimmten Grund passiert. Ich würde mich als optimistischen Realisten bezeichnen: Ich versuche immer, das Beste aus einer Situation zu machen, statt dem Vergangenen nachzutrauern.

„ Ich versuche immer, das Beste aus einer Situation zu machen, statt dem Vergangenen nachzutrauern.“

Und so kann ich heute – sechs Jahre nach der abgebrochenen Reise und den ersten Schritten in die Hotelführung – sagen, dass mich diese Rückkehr tatsächlich gestärkt hat.

Du hast die Hotelführung mit Anfang 20 übernommen – früher als geplant. Warum war genau dieser Zeitpunkt richtig für dich? Meine Zwanziger hatte ich mir anders vorgestellt, aber ich finde, man sollte nicht alles verplanen. Als die Weltreise wegen der Pandemie endete und zu Hause alles stillstand, hatte ich erstmals Zeit, über die Zukunft des Niedermair nachzudenken. Meine Eltern haben viel richtig gemacht, aber Vermarktung war nie ihre Stärke – daraus entstand die Idee eines „ neuen Niedermair“. Mit dem Vertrauen und der Freiheit meiner Eltern wurde daraus Schritt für Schritt ein klares Konzept. Rückblickend war der Zeitpunkt genau richtig.

In Australien erlebte Sebastian seinen bislang schönsten Reisemoment – Freiheit pur im 4x4 mit Dachzelt.

Viele Stammgäste kennen dich seit deiner Kindheit. Wie war der Moment, in dem du plötzlich „ der Chef“ warst? Eigentlich gibt es diesen einen Moment nicht. Man übernimmt ein Hotel nicht von heute auf morgen – es ist ein Prozess. Von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr kommt mehr Verantwortung dazu. Für mich und meine Eltern hat es sich einfach richtig angefühlt, und genau deshalb war der Übergang auch so natürlich.

Nach umfassendem Umbau präsentiert sich das Hotel Niedermair seit April 2025 im neuen Look. Was war dir beim Neubau besonders wichtig – und welche Kompromisse musstest du eingehen? Für ein Haus unserer Größe war der Umbau ein großer Schritt. Das alte Stammhaus war statisch so schlecht, dass eine Sanierung kaum sinnvoll gewesen wäre – deshalb entschieden wir uns für einen schlichten, nachhaltigen Neubau. Mir war eine lichtdurchflutete, reduzierte und trotzdem warme Atmosphäre wichtig, mit natürlichen Materialien und heimischen Handwerkern. Viele Möbel sind aus Massivholz, die Lärche außen und an den Fensterrahmen bleibt unbehandelt – ohne Lack oder Chemie. Weil alles in nur fünf Monaten passieren musste, gab es Kompromisse, aber die ökologische Verantwortung stand immer im Vordergrund.

Euer Konzept „ Zurück zur Natur – nach vorne gedacht“ ist überall spürbar. Wie übersetzt du Nachhaltigkeit im Alltag eines Hotels? Neben ökologischem Bauen und moderner Energietechnik geht es uns um achtsames Reisen. Nachhaltigkeit heißt nicht Verzicht, oft nur einen anderen Blick. Das beginnt bei den Produkten: Wir müssen nicht alles anbieten, sondern zeigen, was unsere Region kann – authentisch statt Ananas um die halbe Welt. Genauso wichtig ist der Mensch: Mitarbeitende haben bei uns denselben Stellenwert wie Gäste, denn nur wer sich wohlfühlt, kann Wärme weitergeben. Und wir möchten Gäste dafür sensibilisieren, wie wertvoll unsere Natur ist – und dass ihr Schutz oberste Priorität hat.

� Sebastian ist sehr präsent im Hotel – man trifft ihn beim Frühstück, auf der Terrasse, manchmal sogar beim Servieren.

� In seiner Freizeit ist er allerdings eher in den Südtiroler Bergen anzutreffen – beim Mountainbiken oder Wandern.

Auch als Geschäftsführer bist du sehr präsent im Haus. Was macht für dich gutes Gastgebersein aus? Für mich bedeutet gutes Gastgebersein, unseren Gästen authentische und unvergessliche Momente zu schenken. Neben einem guten Service und einer schönen

„ Wir leben unsere Leidenschaft fürs Gastgebersein und verwandeln unsere Werte in ein wohliges Urlaubsgefühl.“

Atmosphäre sind es oft die kleinen Dinge, die in Erinnerung bleiben: ein ehrliches Gespräch, ein spontan geteilter Tipp für einen Ausflug, oder ein Glas Wein am Abend auf der ruhigen Terrasse – ohne Lärm, ohne Hektik, einfach echt. Ich möchte, dass unsere Gäste spüren, dass wir uns ehrlich für sie interessieren und ihnen Zeit schenken. Das ist für mich moderne Gastfreundschaft.

Euer Hotel hat feste Schließzeiten. Was machst du dann? Packst du den Rucksack wieder und gehst auf Reisen? Ja, die Wintermonate nutze ich gerne, um dort weiterzumachen, wo ich damals gezwungenermaßen aufhören musste. Ich schnappe mir meinen Rucksack und entdecke neue Länder – manchmal weit weg, manchmal näher. Meistens plane ich ein bis zwei Fernreisen pro Jahr, egal, ob Afrika, Südamerika oder wieder Asien. Und inzwischen, durch meinen Beruf, mache ich auch die eine oder andere Genussreise.