The Voyager 30.04.2026 | Page 22

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MEIN REISETAGEBUCH

„ 50 Kilometer Wandern? Klingt machbar. War es auch – aber der Muskelkater danach hatte eine ganz eigene Meinung.“

Leonhard Steinberg, Herausgeber

D ie Idee war wie ein alter Bekannter, der immer mal wieder anklopft, aber nie zum Essen bleibt: „ Irgendwann“, so sagte ich mir seit Jahren, „ wanderst du diese 50 Kilometer mit.“ Es war eine Idee wie ein Stein im Rucksack – mal schwerer, mal leichter, aber immer präsent. Ein Wandertag irgendwo zwischen sportlicher Grenzerfahrung und kollektivem Naturerlebnis. Zusammen mit einem Kollegen wurde letzten Sommer aus dem ewigen „ Man müsste mal“ schließlich ein „ Wir machen das“.

Am vergangenen Samstag war es dann so weit: Wir standen morgens in Wipperfürth am Start der Bergischen 50, zusammen mit fast 3.000 weiteren Teilnehmern. Man läuft zunächst im Pulk. Hunderte Menschen, verschiedene Tempos, ein gemeinsames Ziel. Wir ließen uns zu Beginn etwas mitreißen. Im Laufe der ersten Kilometer wuchsen die Abstände und unser normales Tempo konnte sich einpendeln.

� Zu Beginn zog sich eine lange Karawane durch die Hügel.

� Das finale Tracking der Route per App: 50 km und über 1.000 Höhenmeter.

Dafür öffnete sich uns das Bergische Land bei absolutem Kaiserwetter. Wer diese Region nur vom Durchfahren kennt, unterschätzt sie gewaltig. Sattgrüne Täler, Bäche und Kühe, kleine Dörfer und schöne Ausblicke über sanfte Hügelketten. Es machte einfach nur Freude, Meter um Meter in dieser Kulisse zu fressen.

Was mich ebenso faszinierte, war die stille Demokratie des Wanderschuhs. Das Teilnehmerfeld war ein menschliches Panorama: rüstige 70-Jährige, die uns mit einer Leichtigkeit überholten, die fast schon beleidigend war; fröhliche Frauengruppen und einige Herren mit massiven Stiernacken, die ich physiognomisch eher im Boxclub verortet hätte. Sie alle waren Teil dieser friedlichen Karawane.

� Bei bestem Wanderwetter gab es auf der gesamten Tour schöne Ausblicke auf das Bergische Land.

� Willkommener Motivationsschub: Ein sehr leckeres, regionales Eis.

Ein großes Lob gebührt der Organisation. Von der Startnummernausgabe bis zum Zielbogen lief alles reibungslos. Die Verpflegungsstationen mit vielen freundlichen Helfern waren kleine Oasen der Motivation, die uns mit allerlei Essen und Getränken, aber auch Musik nach vorne brachten. Vor allem das Bio-Eis bei Kilometer 39 war eine echte Wohltat.

Ab Kilometer 40 trennte sich schließlich die Theorie von der Praxis. Die Beine meldeten sich lautstark, doch die Erkenntnis war: Es geht trotzdem. Der Schmerz wurde zu einem Hintergrundgeräusch, der Kopf schaltete um von Denken auf Gehen. Am Ziel angekommen, war das Leiden merkwürdigerweise wie weggeblasen. Es blieb komplette Euphorie. Dass mein Körper am nächsten Morgen mit einem „ fetten“ Muskelkater versuchte, mich gerichtlich auf Unterlassung zu verklagen, gehört wohl zum Lernprozess dazu.

Mein Fazit: Ich kann die Begeisterung vieler Menschen für die unzähligen Weitwander- Events auf jeden Fall absolut nachvollziehen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, diese Distanz geschafft zu haben. Und ich weiß jetzt schon: Das war nicht das letzte Mal. Wer nun ebenfalls Lust auf die Bergische 50 hat: Die Anmeldung sollte in Kürze geöffnet sein.

5 Dinge, die ich gelernt habe

1

Socken sind keine Nebensache Doppellagige Wandersocken klingen nach Over-Engineering, sind aber eine Offenbarung. Während andere bei Kilometer 30 das Erste-Hilfe-Set für ihre Blasen zückten, brachten mich diese Socken ohne eine einzige Blessur ins Ziel. Das Fundament entscheidet! Trotzdem, als Backup auf jeden Fall Blasenpflaster einpacken!

2

Der Rucksack lügt Wir schleppten Notfallriegel und Vorräte durch das Bergische, als müssten wir eine Woche in der Wildnis überleben. Durch die exzellente Verpflegung vor Ort haben wir nichts davon gebraucht. Weniger Gewicht ist hier eindeutig mehr Lebensqualität.

3

Lass den Pulk ziehen Der Start erfolgt in Blöcken – man läuft unweigerlich in der Gruppe. Der Fehler ist,

sich mitreißen zu lassen. Entspannen, das eigene Tempo finden, überholen lassen. Wer früh Kraft verschwendet, merkt es auf den letzten zehn Kilometern doppelt.

4

Nimm Freunde mit Alle Mitgehenden sind aufgeschlossen, aber mit einem guten Kollegen an der Seite wird das Event zum echten Erlebnis. So viel ungestörte Zeit zum Reden hat man im Alltag selten – und gegenseitiges Anspornen kostet nichts, hilft aber enorm.

5

Wandern ist Kopfsache Die häufigste Ursache für Aufgaben sind Blessuren wie Blasen oder Druckstellen, nicht fehlende Kondition. Wenn die Ausrüstung stimmt, stellt man fest: Die Beine wollen eigentlich immer weiter. Man muss dem Kopf nur erlauben, den Schmerz zu ignorieren.