Wolfgang Clemens, genannt „ Gangerl“, ist 83 Jahre alt und hat sich einem außergewöhnlichen Lebensabenteuer verschrieben. Sein Leben ist geprägt von Entdeckergeist, Unabhängigkeit und der tiefen Verbundenheit mit dem Meer. Text: Heiko Beyer, Bilder: Wolfgang Clemens
W er Wolfgang „ Gangerl“ Clemens begegnet, merkt schnell: Der Mann lebt seine Definition von „ Aussteiger“ konsequent – und das schon seit über 35 Jahren. Während andere nach dem Feierabend noch das Sofa entern, hat Gangerl längst den Anker gelichtet und segelt seit 1988 durch die Weltgeschichte. 127 Länder, über 120.000 Seemeilen auf See und rund 180.000
ZUR PERSON
Wolfgang „ Gangerl“ Clemens, Jahrgang 1941, stach 1988 mit Freundin und Hund zur Weltumsegelung in See. Seit 1993 allein unterwegs, hat er 127 Länder bereist.
� @ gangerlclemens � gangerl. net
Kilometer zu Fuß oder per Anhalter später, könnte man denken, ihm sei die Luft ausgegangen. Doch Pustekuchen. Der 83-Jährige ist noch immer unterwegs, nur eben mit etwas weniger Wind im Haar und etwas mehr Lachfalten.
Seinen Spitznamen verdankt er übrigens seiner Mutter, die schon früh bemerkte, dass Wolfgang es nie lange zu Hause aushielt und immer raus in die Natur wollte. „ Gangerl“ – frei übersetzt etwa „ der Wanderer“ – passt bis heute perfekt zu ihm. Bevor die Welt ihn rief, führte er im Bayerischen Wald ein durchaus turbulentes Leben: 1975 begann er auf dem Hof seiner Firma mit dem Bau einer 15 Meter langen, 18 Tonnen schweren Stahlsegelyacht. Nebenbei betrieb er ein gut besuchtes Wirtshaus mit Hotel, wurde zweimal zum Faschingsprinzen gekürt, restaurierte Oldtimer und nutzte jede freie Minute für adrenalinreiche Hobbies – denn stehenbleiben war nie sein Ding.
� Wolfgang „ Gangerl“ Clemens ist ein Extrem-Aussteiger ohne Kompromisse, der seit über 35 Jahren auf der Suche nach den schönsten Flecken unseres Planeten ist.
„ Ich habe es geschafft, meinen Traum als Aussteiger bis heute zu leben und denke gar nicht daran, das zu ändern.“
Aber seine Weltenbummler-Karriere begann mit seiner selbstgebauten Yacht, der „ King of Bavaria“. Statt bayerischem Bier gab es an Bord Wind, Wellen und eine ordentliche Portion Abenteuerlust. Freundin und Yorkshire-Terrier waren am Start, das Ziel: die letzten Paradiese und Naturvölker dieser Erde entdecken. Klingt romantisch? Klar – bis ein Zyklon namens Polly mit 20 Meter hohen Wellen den Kurs durcheinanderwirbelt. „ Manche Leute gehen in die Therme, ich segle durch den Jahrhundertsturm“, sagt Gangerl trocken. Und genau das ist sein Ding: Grenzerfahrungen, die andere lieber als schlechte Idee abstempeln würden.
Mit einer Mischung aus stoischem Durchhaltevermögen und einer gesunden Portion bayerischem Grant navigierte er durch Dschungel, kämpfte gegen Krankheiten wie Skorbut, Dengue und Malaria und wehrte sich gegen Piraten, die ihn anscheinend nicht als Seebär, sondern eher als willkommene Beute ansahen. „ Ich habe gelernt, dass eine gute Mütze und ein kräftiger Bayerntoast manchmal mehr retten als jede Notfallapotheke“, schmunzelt er.
Seine Reisen führten ihn von den tropischen Atollen der Südsee bis in die eisigen Gewässer der Antarktis. Er segelte um die ganze Welt, erkundete die Karibik, tauchte an artenreichen Korallenriffen und wanderte per Anhalter 52.000 Kilometer von Südafrika bis zurück nach Bayern – weil Fliegen war irgendwie keine Option für den Mann, der das Abenteuer im Blut hat.
Der Verlust seiner geliebten „ King of Bavaria“ vor den Seychellen, als das Schiff auf einem Riff strandete, hätte bei manch einem für den Schlussstrich gesorgt. Nicht so bei Gangerl. Mit einer Ersatzyacht, einer Dufour 35, setzte er die Reise einfach fort – und die Geschichten wurden nicht weniger spektakulär. „ Manchmal muss man eben umdisponieren – das Leben hält ja eh die besseren Pläne parat“, sagt er mit einem Zwinkern.
� Während seines Aussteiger- Daseins hat Gangerl 100.000 Seemeilen und über 120.000 Backpacker-Meilen zurückgelegt.
� Ein Bayer auf Papua.
Heute, mit 83 Jahren, hat Gangerl seinen unbändigen Entdeckergeist nicht verloren. Ein bisschen ruhiger? Vielleicht. Aber nur, weil man irgendwann auch mal das Fernrohr ausruhen lassen muss, um die Sterne besser sehen zu können. Er blickt zurück auf gefährliche Begegnungen mit Piraten, einsame Nächte auf See, auf die Begegnung mit indigenen Völkern, die ihm mehr über das Leben beigebracht haben als jede Landkarte. „ Ich habe nie versucht, dem Leben davonzulaufen“, sagt er. „ Ich bin ihm lieber mutig entgegengetreten – meistens mit nassem Hemd und einem Seemannsgarn in der Tasche.“ Wer Gangerl zuhört, der spürt sofort: Hier spricht kein Märchenerzähler, sondern ein Mann, der das Abenteuer lebt, mit allen Höhen und Tiefen. Ein Suchender, der gefunden hat, was viele erst ihr Leben lang suchen: Freiheit, Tiefe und die Lust am Unbekannten.
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Auf dem kommenden Erlanger Fernweh Festival erzählt Wolfgang Clemens live vor der großen 14-Meter-Leinwand seine unglaubliche Lebensgeschichte – live, ehrlich, rau. Kein Seemannsgarn, sondern gelebte Erfahrung. Eine Reise um die Welt – und zu den letzten Fragen, die uns alle bewegen: Wie viel brauchen wir wirklich? Und wie weit sind wir bereit, dafür zu gehen?
„ Für immer ausgestiegen“
Die Live-Multivision von Wolfgang „ Gangerl“ Clemens zu sehen auf dem Fernweh Festival in Erlangen am 16.11.2025 um 20 Uhr in der Heinrich-Lades-Halle.
Infos und Tickets unter: www. fernwehfestival. com