Ein Roadtrip zwischen apulischer Präzision und kalabrischer Wildnis
Text & Fotos: Dieter Schorer
S eit mehr als 40 Jahren bin ich gemeinsam mit meiner Frau mit dem Wohnmobil unterwegs. Als leidenschaftlicher Hobbyfotograf halte ich die besonderen Momente unserer Reisen mit der Kamera fest und suche dabei immer nach Geschichten abseits der touristischen Routen.
Für mein Projekt „ Italien von unten“ habe ich das Wohnmobil durch die entlegensten Winkel Apuliens und Kalabriens gesteuert. Entstanden ist eine Reise durch eine Region, die ihre größten Schätze oft fernab der bekannten Wege verbirgt. Zwischen einsamen Küsten, uralten Bergdörfern und überraschenden Begegnungen zeigt sich ein Italien, das authentischer kaum sein könnte.
„ Wer den Süden Italiens verstehen will, darf nicht nur an der Oberfläche kratzen.“
Das mathematische Wunder von Troia
Der Norden Apuliens
Dieter Schorer, The Voyager Leser, Camper und Hobbyfotograf
beschenkte mich direkt mit einem Rätsel aus Stein. In Troia stieß ich auf die Kathedrale mit ihrer weltberühmten Fensterrose. Während die Symmetrie der Sakralbaukunst meist auf geraden Zahlen beruht, ist dieses Meisterwerk elfspeichig. Jedes der elf Felder ist ein Unikat, eine filigrane Arbeit aus dem 12. Jahrhundert, die zeigt, dass die wahre Schönheit oft in der bewussten Abweichung von der Norm liegt.
Kalabrien: Wenn die Natur den Ton angibt
Weiter südlich, tief im Herzen Kalabriens bei Bivongi, fand ich das visuelle Gegenstück zur präzisen Architektur: die Cascata del Marmarico. Mit 114 Metern ist er der höchste natürliche Wasserfall Süditaliens. Der Weg dorthin ist eine Herausforderung für jede Ausrüstung, doch der Moment, in dem die Gischt die Linse erreicht und das Donnern des Wassers jedes Gespräch überflüssig macht, fängt die Urgewalt Kalabriens perfekt ein.
Bagnara Calabra und Diamante sind zwei Schmuckstücke an Kalabriens Tyrrhenischer Küste – das eine mit spektakulärer Lage zwischen Meer und Bergen, das andere bekannt für seine Altstadt und farbenfrohen Murales.
Geschichte zum Anfassen
Entlang der Küstenlinie begegneten mir die stummen Zeugen der Geschichte. Ob die massiven dorischen Säulen von Paestum oder die gewaltigen Backsteinarkaden römischer Amphitheater – diese Monumente wirken in der süditalienischen Sonne nicht wie Museen, sondern wie lebendige Teile der Landschaft. Besonders die Festung Le Castella, die wie eine steinerne Insel im türkisfarbenen Meer treibt, bot Perspektiven, die den Begriff „ Abgeschiedenheit“ neu definieren.
Die Freiheit der Straße
Das Wohnmobil war für dieses Projekt mehr als nur ein Transportmittel – es war mein mobiles Studio. Es erlaubte mir, dort zu bleiben, wo das Licht am besten war. Ob morgens beim ersten Espresso mit Blick auf die Klippen von Tropea oder in einsamen Buchten, in denen monumentale Treibholzstämme wie moderne Skulpturen am Ufer lagen – „ Italien von unten“ bedeutet, den Boden unter den Füßen zu spüren und den Rhythmus des Südens anzunehmen.
Mit dem Wohnmobil unterwegs zwischen Küste und Kulturlandschaft: der Süden Italiens zeigt sich als Region der Freiheit und Weite – von stillen Stellplätzen unter Pinien bis zu spektakulären Ausblicken auf das Meer.