The Voyager 29.10.2026 | Page 26

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EIN MOUNTAINBIKE-ABENTEUER

Ligurien jenseits der Postkarte

Zwischen Mittelmeer, steilen Altstädten und einsamen Bergdörfern liegt ein Ligurien, das kaum jemand kennt. Harald Philipp hat sich diese verborgene Welt auf ganz eigene Weise erschlossen: mit dem E-Mountainbike über alte Pfade, die kaum ein Reiseführer erwähnt.

Text: Harald Philipp, Bilder: Christoph Bayer, Markus Greber, Jens Staudt

W er als Mountainbiker nach Ligurien fährt, landet fast zwangsläufig in Finale Ligure.

Kleinbusse bringen dort Fahrer und Räder auf den Berg, damit man den Weg hinunter genießen kann. Bergauf ist Transport, bergab ist Sport. Harald Philipp hat das jahrelang mitgemacht. Dann kam der Motor.

Ein E-Mountainbike ist für ihn kein Bequemlichkeitsgerät, sondern ein Türöffner. Plötzlich lassen sich schmale

ZUR PERSON

Harald Philipp gehört zu den bekanntesten deutschen Mountainbikern. Seit 2008 ist er als Abenteurer, Autor und Vortragsredner selbstständig. Seit 2020 lebt er in den Ligurischen Alpen.

� @ harald. philipp � summitride. com

Pfade auch bergauf fahren, die man vorher nur hinunter kannte. Damit rücken ganze Landstriche in Reichweite, die für Radfahrer schlicht nicht existierten. Der Motor, sagt Philipp, habe ihm nicht die Anstrengung genommen, sondern die Landkarte vergrößert.

Daraus ist sein neuer Vortrag „ Ligurien neu erfahren“ geworden: 90 Minuten Erzählung auf der Bühne, sieben Filme, dazu Bilder einiger der bekanntesten Fotografen der Szene. Und eine Regel: kein Shuttlebus. Wer wissen will, wie eine Region wirklich zusammenhängt, sagt er, müsse die Verbindungen dazwischen selbst fahren – mit dem Zug, mit dem Boot, auf schmalen Wegen.

Die Reise beginnt im Osten, rund um die Cinque Terre, zwischen Sestri Levante und Portovenere. Im Januar, wenn die Küstenwege leer sind und im Sommer längst überlaufen wären, geht Philipp mit einem Katamaran auf die Suche. An Bord: Tom Öhler, Weltmeister im Trial, jener Disziplin, in der man im Schritttempo über Mauern und Felsen balanciert. Dazu Skipper Davide Bassan und dessen Hündin Ceppa, die breitbeinig am Bug steht, als sei Seekrankheit etwas für Landratten. Oberhalb von Levanto haben Millionen Wandererschritte den Sandstein so glatt poliert, dass er sich fahren lässt wie eine Bobbahn. Über Portovenere dagegen sieht ein Weg auf der Karte traumhaft aus und entpuppt sich im Gelände als scharfkantiger Karst: schultern und tragen.

Die zweite Etappe führt nach Genua, eine der meistunterschätzten Städte Italiens. Für die meisten Deutschen ist sie der Hafen, von dem die Fähre nach Korsika ablegt, oder das Verkehrschaos, das man auf dem Weg an die Riviera lieber umfährt. Dabei liegt hier die größte mittelalterliche Altstadt Europas: ein Labyrinth aus dunklen Gassen und prunkvollen Palästen, Weltkulturerbe und Hafenlärm auf engstem Raum. Für Mountainbiker war sie nur eine Autobahnausfahrt

Ein neuer Spielplatz auf alten Wegen.

– dabei beginnen die Wege direkt an der Piazza. Morgens rollen sie unter Wäscheleinen durch die Gassen, es riecht nach Espresso, dann trägt sie eine historische Standseilbahn hinauf über die Dächer. Oben liegt ein Gürtel von Festungen aus dem 19. Jahrhundert, von Moos überzogen und vergessen. Darüber der Monte Fasce, 834 Meter hoch, kahl und windumtost, mit Blick über die halbe Riviera. Philipps Begleiter dort ist Enrico Guala, ein Genuese, der den Enduro-Rennsport maßgeblich geprägt und Finale Ligure zu dem gemacht hat, was es heute ist. „ Man muss sich nicht entscheiden zwischen Stadt und Bergen“, sagt er.

Weiter westlich, oberhalb von Pietra Ligure, steht der Monte Carmo. Der Sonnenaufgang dort gehört zu den stärksten Bildern des Vortrags. Vor allem aber steht hier einer im Mittelpunkt, den sonst niemand sieht. Solche Wege entstehen nicht von selbst, sie werden von Hand angelegt. Nico Accame legt sie mit Spitzhacke und Feingefühl in den Hang, Handarbeit statt Bagger.

Zum Schluss führt der Abend ins Hinterland rund um Triora. Neun von zehn Bewohnern haben das Valle Argentina im Lauf der letzten Jahrzehnte verlassen. Geblieben sind Kastanienwälder, Kletterfelsen und Terrassen, die niemand mehr bestellt, darüber der Monte Saccarello, mit gut 2.200 Metern der höchste Berg Liguriens. Hier ist alles kleiner als an der Küste und dafür still.

Und hier hat der ligurische Mountainbike-Sport angefangen. Die Brüder Vernassa haben vor über zwanzig Jahren die ersten Wege für Radfahrer in die Hänge gelegt, lange bevor irgendjemand an Finale Ligure dachte. Heute sind sie über siebzig – und bauen und fahren immer noch.

Hier lebt Philipp, und der Weg dorthin war lang. Geboren 1983 in Siegen, verbrachte er die prägenden Jahre in Innsbruck und wurde einer der bekanntesten deutschen Mountainbiker – von den Alpen bis in den Himalaya, mit einer ZDF-Dokumentation aus Island und als erster Mountainbiker in Nordkorea. Höher, weiter, gefährlicher habe ihn irgendwann nicht mehr gereizt, sagt er. 2020 zog er in ein halb verlassenes Bergdorf auf 1.300 Metern, in ein Haus, das eher Ruine war als Zuhause.

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Angekommen sei er nicht über die Sprache, sondern über die Arbeit. Gemeinsam mit Nachbarn legte er zugewachsene Saumpfade wieder frei – jahrhundertealte Verbindungen zwischen Dörfern, die längst niemand mehr ging. Der Kuhhirte schenkte ihm einen Hund, Momo begleitet ihn seither auf jeder Tour, die heute an der eigenen Haustür beginnt.

Eine Region zwischen Wurzeln und Wandel, sagt Philipp. Sein Live-Vortrag beim Fernweh Festival in Erlangen ist eine Mountainbike-Show, erzählt aber vor allem von einer Landschaft, ihren Menschen und den Wegen dazwischen – und richtet sich damit auch an alle, die selbst nie auf einem Mountainbike sitzen werden.

„

Ligurien neu erfahren“

Die Live-Multivision von Harald Philipp ist zu sehen auf dem Fernweh Festival in Erlangen am 14.11.2026 um 17 Uhr in der Heinrich-Lades-Halle.

Infos und Tickets unter: www. fernwehfestival. com